Stahlstich,
Siderographie, Bezeichnung für ein seit Anfang 19. Jh. bekanntes * Tiefdruckverfahren.
Es handelt sich um den Abdruck einer in eine Stahlplatte eingravierten Zeichnung auf
Papier. Durch den Entzug von Kohlenstoff wird die Stahlplatte erweicht, so dass die
Darstellungen mit * Sticheln eingeritzt werden können. Im Anschluss wird die Platte
wieder gehärtet. Wie beim * Kupferstich-Verfahren überzieht man die gravierte
Stahlplatte zunächst mit Druckerschwärze. Nach dem Abwischen (Klarwischen) bleibt die
Farbe nur in den mit dem Stichel herausgearbeiteten Vertiefungen haften. Die Platte wird
in der Folge unter hohem Druck auf angefeuchtes Papier gepresst, wodurch sich die
eingravierten Zeichnungen spiegelbildlich übertragen. Da sich die Stahlplatten, im
Gegensatz zum weichen Kupfer, kaum abnützen, können viel mehr und konturenschärfere
Abdrücke gemacht werden als beim Kupferstichverfahren.
Verglichen mit dem Kupferstich, fehlt dem Stahlstich allerdings die graphische Tiefe und
der Sprödigkeit des Materials wegen die Vielfalt an Möglichkeiten des künstlerischen
Ausdrucks. Der Stahlstich wurde deshalb von Künstlern nur zögernd angenommen und nach
Erfindung des * Verstählens von Kupfertafeln kaum mehr verwendet. Erstmals eingesetzt
wurde der Stahlstich 1819 von G. Fairman und J. Perkins bei der Wertpapierherstellung.
1820 führte der Londoner Verleger Charles Heath den Stahlstich dann für
Buchillustrationen ein und wird deshalb von vielen als Erfinder des Stahlstichs angesehen.
Nach Einführung der * Galvanoplastik und der damit verbundenen Möglichkeit, * Klischees
herzustellen, verlor der Stahlstich auch bei Buchillustrationen an Bedeutung.
E. HÖLSCHER, Stahlstiche in alter und neuer Zeit, Leipzig 1937; A. MARSCH, Meyer´s
Universum. Ein Beitrag zur Gesch. des S. und des Verlagswesens im 19. Jh., Lüneburg 1972.
Kupferstich,
abgekürzt auch Kupfer, vermutlich im 1. oder 2. Drittel 15. Jh. von namentlich nicht
bekannten Künstlern in Süddeutschland entwickeltes erstes * Tiefdruckverfahren.
Als Druckplatte dient eine plane, geschliffene und polierte, je nach Größe zwischen 1-5
mm dicke Kupferplatte, in die mit * Sticheln in spanabhebender Tätigkeit Darstellungen
(spiegelbildlich) eingetieft werden. Da für das linienförmige Ausnehmen der
Darstellungen in erster Linie der Grabstichel Verwendung findet, bezeichnete man den
Kupferstich im 19. Jh. auch als Grabstichel- oder Linienmanier.
Manchmal wird die Platte zuerst mit einer Kreideschicht versehen und in diese das Motiv
durch * Anreißen vorgezeichnet oder seitenverkehrt mittels einer * Pause aufgetragen. Der
auf den Stichel ausgeübte Druck bestimmt die Breite der Ausnehmung und damit die Menge
der aufnehmbaren Druckerschwärze. Grate werden mit einem Schabeisen entfernt. Beim
Vorgang des Druckens wird nach der so genannten französischen Methode die Kupferplatte
angewärmt, bevor man sie mit * Druckerschwärze einstreicht. Die Farbe verteilt sich
dadurch leichter in den Ausnehmungen.
Es kann aber auch die kalte Druckplatte tamponiert, d. h. mittels eines Stoffballens mit
Druckerschwärze bestrichen werden. Anschließend wischt der Kupferstecher die Platte
wieder blank, so dass die Druckerschwärze nur in den Ausnehmungen haftet. Bleiben bei
diesem Vorgang, der Klarwischen genannt wird, Reste von Druckerschwärze auch auf den
blanken Stellen, so ergibt das beim Abdruck auf dem Blatt an den Stellen, die sonst Weiß
sein würden, einen leichten Grauschleier, der * Lappenton genannt wird. Anfänglich
wurden die Darstellungen der Druckplatte durch Anreiben des Papiers (wie beim *
Reiberdruck) auf das Blatt übertragen.
Später fanden Druckerpressen Verwendung und seit dem 16. Jh. zweiwalzige Druckerpressen,
so genannte Walzenpressen, mit denen die eingravierten Zeichnungen unter hohem Druck auf
das leicht angefeuchtete Papier übertragen werden. Durch den Anpressdruck ist der Rand
der kupfernen Druckplatte auf dem Blatt als Eintiefung zu sehen (* Plattenrand). Farbige
Kupferstiche sind selten. Es ist für jeden Farbauftrag eine separate Druckplatte
erforderlich. Gebräuchlich war dagegen die * Handkolorierung von Kupferstichen.
Bei dem ältesten datierten Kupferstich handelt es sich um ein 1446 entstandenes Blatt mit
der Darstellung der Geißelung Christi, eine deutsche Arbeit, die aus der Renouvier'schen
Sammlung zu Montpellier nach Berlin in das Kupferstichkabinett gelangte. Undatierte
Kupferstiche, die von einem mit dem * Notnamen "Spielkartenmeister" bedachten *
Briefdrucker stammen, gelten als noch älter, ebenso wie die Werke des Stechers des
Marienlebens. Zu den bekannten frühen Kupferstechern zählen u. a. Israhel Meckenem (vor
1450-1503), Martin Schongauer (vor 1450-1491) und der * Monogrammist E. S., dessen um 1460
entstandenes Blatt "Maria von Einsiedeln" besonders bekannt wurde.
Als Höhepunkte deutscher Kupferstichkunst gelten die Werke * Albrecht Dürers, des
zumeist in Deutschland tätigen J. * Amman und auch die von A. * Altdorfer. Zahlreich
vertreten sind heute die Pferde- und Wild- bzw. Jagdstiche aus dem Atelier des Malers und
Kupferstechers J. E. * Ridinger und seiner Söhne (ca. 1600 Motive) sowie Arbeiten des
böhmischen Zeichners und Kupferstechers Wenceslaus Hollar (1607-1677), der, abgesehen von
Prag, u. a. in London, Antwerpen sowie Tanger tätig war und von dem es besonders viele
Stadtansichten gibt.
Probedrucke ohne den Namen des Herstellers wurden früher meist mit dem französischen
Ausdruck avant la lettre (vor der Beschriftung) bezeichnet. Vgl. * Épreuves d'artiste.
Das fertige Blatt nach der Beschriftung heißt * après la lettre oder * avec la lettre.
Bisweilen weisen Kupferstiche mehrere Namen auf, die häufig mit lateinischen Anmerkungen
versehen sind, die folgende Bedeutungen haben:
Inv. (* invenit) = er hat (es) erfunden, entworfen;
del (* delineavit) = er hat (es) gezeichnet;
sc. (* sculpsit) = er hat (es) gestochen und
exc. (* excudit) = er hat (es) gedruckt. Vgl. * Adresse.
Da die Darstellungen eingeritzt, also vertieft sind, wird zum Unterschied vom *
Holzschnitt (* Hochdruck) von einem Tiefdruck gesprochen. Im 17./18. Jh. war es üblich,
Gemälde in Form von Kupferstichen zu vervielfältigen. Von der Vorgangsweise abgeleitet
ist der Ausdruck "abkupfern", für etwas kopieren, nachmachen. Vgl. *
Reproduktionsstecher, * Peintre-graveur, * Originalgraphik. Wegen des weichen Materials
kann von einer Kupferplatte nur eine beschränkte Anzahl von Abdrucken hergestellt werden.
Je nach Art der Kupferdruckplatte sind ca. 200 sehr gute, danach ca. 600 gute und in
weiterer Folge noch ca. 800 mittelmäßige Abdrucke möglich. Manchmal wird auch die Zahl
1000 als Obergrenze der erzielbaren Drucke angegeben. Durch das * Aufstechen der Platten
erzielte man früher weitere Blätter; diese Folgedrucke sind aber von minderer Qualität.
Seit Erfindung der * Galvanotechnik besteht die Möglichkeit, die Kupferplatten zu
"verstählen", d. h. sie werden mit einer dünnen Stahlschicht überzogen, um
ihre Abnutzung zu verhindern.
A. v. BARTSCH, Anleitung zur Kupferstichkunde, 2 Bde., Wien 1821; V. PREISSIG, Zur Technik
der farbigen Radierung u. des Farbenkupferstichs, Leipzig 1908; M. LEHRS, Gesch. u.
kritischer Kat. der dt., niederländ. u. franz. K. im 15. Jh., Bd. 1-9, Wien 1908-34; H.
W. SINGER, Handb. f. K.sammler, Leipzig 1923; P. KRISTELLER, K. u. Holzschnitt in 4 Jh.,
Berlin 1922; K. ZOEGE v. MANTEUFFEL, Der dt. K. von seinen Anf. bis zum Ende des 16. Jh.,
München 1922; M. GEISBERG, K. der Frühzeit, Straßburg 1923; F. LIPPMANN, Der K.,
Berlin, Leipzig 1926 (neu bearb. von F. Anzelevsky, Berlin 1963); W. F. H. HOLLSTEIN,
Dutch and Flemish Etchings, Engravings and Woodcuts ca. 1450-1700, Amsterdam 1949 ff.; W.
F. H. HOLLSTEIN, German Engravings, Etchings and Woodcuts 1400-1700, Vol. 1-8, Amsterdam
1954-68; H. ILGENFRITZ, Der K., Dresden 1958; F. LIPPMANN, Der K., Berlin 1962; F. KORENY,
Der frühe K. und die Anfänge der Reproduktionsgraphik nördl. der Alpen, in:
Sitzungsber. der Kunstgeschichtl. Ges. zu Berlin, NF H. 10, 1971/72; M. TERRAPON, Der K.,
Genf 1974; Ch. v. HEUSINGER, Das gestochene Bild - von der Zeichnung zum K., Kat.,
Braunschweig 1987; W. KOSCHATZKY, Die Kunst der Graphik, München 1988.
Lithographie,
von griechisch lithos, "Stein", und graphein, "zeichnen",
Bezeichnung für den Steindruck, der anfänglich "Polyautographie" genannt
wurde; der Ausdruck Lithografie ist erst seit 1805 gebräuchlich. Die Platten für dieses
erste * Flachdruckverfahren bestanden zunächst aus geschliffenem und entsäuertem *
Solnhofer Stein (Kalkschiefer). Die Darstellungen werden bei der Lithographie auf der
Druckform durch Zeichnen mit Fettstift (Kreidelithographie) oder lithographischer Tusche,
bestehend aus Fett, Wachs, Ruß etc. (Federlithographie), aufgetragen und die Platte dann
mit mineralsaurer * Gummiarabikumlösung behandelt. Bei den so geätzten Flächen wird die
Fähigkeit verstärkt, Wasser aufzusaugen.
Die gezeichneten Stellen verbinden sich mit dem kohlensauren Kalk des Steines zu
fettsaurem Kalk, der farbspeichernd wirkt, d. h. Druckfarbe annimmt, die beim Druckvorgang
auf das Papier übertragen wird. Die angefeuchteten zeichnungsfreien Flächen nehmen keine
Druckfarbe an. Die Entdeckung, dass die Druckfarbe nur von jenen Stellen angenommen und
beim Druck übertragen wird, an denen mit einem fettigen Aggregat gezeichnet worden ist,
machte A. Senefelder (1771-1834) in München bei seinen Experimenten, Notenblätter zu
vervielfältigen (1797/98). Einen ersten Versuch, die Technik auch bei künstlerischen
Arbeiten einzusetzen, erfolgte 1808 durch J. Strixner bei der Reproduktion der von A. *
Dürer gestalteten Randleisten des Gebetbuches Kaiser Maximilians I. 1827 setzte A.
Déveria die Lithographie erstmals für den Plakatdruck ein. Damit die Darstellungen nach
dem Druck nicht seitenverkehrt sind, kann ein speziell behandeltes Umdruckpapier
eingeschaltet werden, auf dem der Künstler zeichnet und das auf den Stein geklebt wird.
Die Zeichnung bleibt nach Entfernen des Papiers seitenverkehrt auf dem Lithographenstein
zurück. Beim Druck erscheint die Darstellung dann in gewünschter Ausführung.
1816 präparierte Senefelder erstmals anstatt der Steine leichtere und dadurch handlichere
Zinkplatten. Der so hergestellte Abdruck heißt * Zinkographie. Später wurden
Aluminiumplatten verwendet (* Algraphie). Farblithographien erfordern für jede Farbe
einen Stein oder eine Platte, mit denen die Farben hintereinander auf das Blatt gedruckt
werden. Eine Weiterentwicklung der Lithografie ist der so genannte Offsetdruck, wobei
Schrift oder Bild von der Druckform (einer Folie oder Metallplatte) auf einen mit einem
Gummituch bespannten Zylinder und von diesem auf das Papier übertragen werden. Die ersten
Offset-Druckmaschinen tauchten bald nach 1900 auf. Vgl. * Senefelder.
A. SENEFELDER, Vollständiges Lehrbuch der Steindruckerey, Wien, München 1818, Nachdr.
Berlin 1925, München 1971; P. HOFFMANN, W. REUTER, Ein Beitr. zur Gesch. d. L., Berlin
1924; R. WITTE, Praktikum d. Stein- u. Zinkdrucks, Leipzig 1926; O. W. KRÜGER, Die
lithograph. Verfahren u. der Offsetdruck, Leipzig 1949; Die Kunst der L., Kat., Halle
1960; P. HALM (Hg.), Bild vom Stein. Die Entwicklung der L. von Senefelder bis heute,
Kat., München 1961; G. WOODS, The Craft of Etching and L., London 1965; R. LOCHE, Die L.,
Genf 1971; W. DOHMEN, Die L. Gesch., Kunst, Technik, Köln 1982; G. M. LECHNER, Inkunabeln
der L., Kat., Stift Göttweig 1982; Ch. v. HELMOLT, Wo Kalkschiefer zum Edelstein wird.
Erfindung und Entwicklung der künstler. L., in: Kunst und Antiquitäten 1, 1983; W.
KOSCHATZKY, K. SOTRIFFER, Die Kunst vom Stein. Künstlerl. von ihren Anfängen bis zur
Gegenwart, Wien, München 1985; H. WALTER-DRESSLER, Farbl. des Karlsruher Künstlerbundes
um 1900. Eine Initiative gegen den Öldruck, Kat., Karlsruhe 1987; M. HENKER u. a., Von
Senefelder zu Daumier. Die Anf. der lithograph. Kunst, Kat., München 1988; H. SCHWARZ,
Die Anf. der L. in Österr. (bearb. Diss. v. E. Hermann-Fichtenau, 1921), Wien, Köln,
Graz 1988; M. STUFFMANN, Franz. L. des 19. Jh., Frankfurt/M. 1989.
Holzstich,
Xylographie, Weiterentwicklung des * Holzschnittes. Die Darstellung wird nicht mit Messern
in den * Holzstock eingeschnitten, sondern nur unter Einsatz von * Sticheln gestaltet.
Als erster Holzstecher gilt der in Sheffield geborene Künstler Elisha Kirkall (ca.
1682-1742). Die Technik des Holzstiches eignet sich besonders für sehr kleinteilige
Motive mit reicher Binnenzeichnung. Für den Holzstock ist hartes, sehr dichtes Holz
erforderlich. Zum Unterschied von den bei Holzschnitten üblichen Obsthölzern wurde für
Holzstiche hauptsächlich das * Hirnholz des * Buchsbaums verwendet. Die erste Blütezeit
des Holzstiches war um 1750 und eine zweite gegen 1800, wobei zu der Zeit der *
Weißlinienschnitt gebräuchlich war. Die * Stecher setzten die Eintiefungen so dicht,
dass beim Druck feinste Tonabstufungen von Licht bis Dunkel entstanden. In dem
Zusammenhang wird auch von Tonschnitten bzw. Tonstichen gesprochen. Ein Spezialist für
diese besonders effektvollen Arbeiten war Thomas Bewick (1753-1828).
H. BÄHR, Die Holzschneidekunst, Internat. Ausst. für Buchgewerbe und Graphik, Leipzig
1914; B. REMO, Breviario di xilografia, Fossataro 1967; F.-W. VOIGT, Künstler. Graphik:
Holzschnitt, H., Kupferstich, Radierung, Lithographie, München 1980; E. HANEBUTT-BENZ,
Studien zum dt. H. im 19. Jh., Frankfurt/M. 1984; W. KOSCHATZKY, Die Kunst der Graphik,
München 1988.